Kirche

Die Geschichte der Petri-Pauli-Kirche

Auf dem Kirchplatz Münders stand seit 1440 eine in gotischem Stil errichtete steinerne Kirche, die - in Ost-West-Richtung - einen Grundriss in Kreuzform besaß. Eine Sakristei wurde wenig später seitlich an das Hauptschiff angebaut.

1519 in der Hildesheimer Stiftsfehde brandschatzten Heerscharen die Stadt und zerstörten auch die Kirche. Die Bürger ließen sie 1528 samt Turm wieder aufbauen und nach und nach auch ihre Häuser. Dieses Gotteshaus aus vorreformatorischer Zeit enthielt einen Hochaltar und allein 7 Nebenaltäre, die bis ins 18. Jahrhundert hinein noch erhalten blieben.

Erstmals 1779 berichtet der damalige Superintendent Reidemeister - Münder war noch bis weit ins 19. Jahrhundert Sitz der Superintendentur - an das Konsistorium in Hannover von dem Wunsch der Münderaner nach einem kleinen Umbau und einer besseren Bestuhlung des Kirchgebäudes. Man benötigt angemessene Plätze für den gesamten Magistrat der Stadt, nachdem inzwischen auch Ratsherren zum Magistrat gehören, die nicht innerhalb der Stadtmauern wohnen und daher auch keinen der Familie gehörenden "Stammplatz" besitzen. Gleichzeitig werden bauliche Probleme mit der Sakristei genannt. Im Rahmen einer Reparatur der Schäden an der Sakristei soll dort auch ein Boden eingezogen werden, auf dem anschließend die Zinsfrüchte der Kirche gelagert werden können.

Eine alle befriedigende Lösung wird aber wohl in den kommenden Jahren und Jahrzehnten nicht gefunden, denn 1834 weist eine Kirchenkommission Münders das Konsistorium erneut auf die Notwendigkeit einer besseren Bestuhlung hin. Allerdings war man zwischenzeitlich gezwungen, den Kirchturm gründlich zu reparieren und auch eine neue Orgel zu installieren, was erhebliche Geldmittel der Stadt und der Kirchengemeinde verschlang.

Nun aber ist die Unzufriedenheit mit dem derzeitigen Kirchgebäude und seinen Möglichkeiten so groß geworden, dass man zur Tat schreitet: der Landbau-Condukteur Wedekind aus Springe wird beauftragt, einen Plan für einen großen Umbau und eine Reparatur wesentlicher Schäden zu erstellen. Auf seiten der Kirchenkommission wird kritisiert, die Kirche sei viel zu klein, erhalte zu wenig Licht und besitze ein zu niedriges Gewölbe. Die Pläne Wedekinds für einen Umbau stoßen allerdings auf wenig Gegenliebe bei der Kommission, weil eine Vergrößerung des Platzangebotes auf den Emporen (Priechen) dazu fuhren würde, dass diese den einzelnen Familien nicht mehr gehören und auch von anderen begangen werden müssten. Stadtsyndikus und später Bürgermeister Friedrich Ludwig Wilhelm Wermuth, der von jetzt an die Verhandlungen mit dem Konsistorium in Hannover fuhrt, schlägt weit reichende Reparaturen und Änderungen des Gesamtbaus vor. Auch nennt er den Baumeister Hellner aus Hannover als zusätzlich hinzuzuziehenden Fachmann.

Von diesem Zeitpunkt an entspinnt sich zwischen den beiden Baumeistern Wedekind und Hellner eine längere Auseinandersetzung um den Bauauftrag. Je nach Stimmungslage der Münderaner bestätigt man die gute, erhaltenswerte Bausubstanz oder die Notwendigkeit eines Neubaus. Äußere Bedingungen erzwingen eine baldige Entscheidung: es regnet sowohl durch das Dach der Sakristei als auch durch das Dach des Mittelschiffs, die Orgel ist bereits in Mitleidenschaft gezogen. Von 1836 an - die Diskussion um die einzuleitenden Maßnahmen wird munter fortgeführt -drängt nun eine Mehrheit des Magistrats auf einen Neubau. Da die Kirchenkasse nur unbedeutende 200 Taler zu einer Reparatur oder einem Neubau zusteuern kann, müssen die Einwohner der Stadt und die adligen Gutsbesitzer einen Großteil der veranschlagten 10.000 Taler aufbringen. Dafür verlangt die Stadt nun auch weitgehende Entscheidungsfreiheit. Man ärgert sich von städtischer Seite darüber, dass die Kirche bei einem Neubau die Pachtzahlungen für die Plätze (!) im Gotteshaus beansprucht und lehnt dies kategorisch ab. Stattdessen verweist man darauf, dass schon seit Jahren die Kirchturmuhr repariert werden müsse, weil die Verhältnisse im Ort unter dieser Situation erheblich litten, dies sei alleinige Angelegenheit der Kirche und schnellstens zu erledigen. Um in der Entscheidung voranzukommen, werden die Bürger nach ihrer Meinung befragt, und 2/3 aller Münderaner stimmen für einen Neubau.

Dieses eindeutige Votum ist sicherlich nur aus der Zeit heraus verständlich. Das wirtschaftliche, aber auch politische Leben befindet sich in einer Aufbruchsstimmung, man hängt nicht etwa an den guten, alten Zeiten, sondern orientiert sich an neuen Werten und Ideen. Die Franzosenherrschaft ist abgeschüttelt, große Pläne von einer technischen und politischen Umwälzung kursieren, wirtschaftlich geht es der Region dank des Steinkohlebergbaus relativ gut. Mag auch die eine oder andere kritische Stimme zu hören gewesen sein, einhellig begrüßt wurde die geplante erhebliche Erweiterung der Sitzplatzkapazität. Wie gering in diesen Tagen die Tradition, wie hoch das Zweckdenken geschätzt wurde, zeigt die Tatsache, dass man ohne große Bedenken die alten christlichen Gewohnheiten entsprechende Ost-West-Ausrichtung des Kirchbaus aufzuheben beabsichtigt, um die gewünschte Größenordnung bei einem Neubau erreichen zu können.

Es vergehen jedoch noch weitere 3 Jahre, bis man endlich mit konkreten Maßnahmen beginnt. Der Baumeister Hellner aus Hannover ist inzwischen aus dem Geschäft: eine hohe Kostenrechnung für seine Kutschfahrten von Hannover nach Münder bringt ihm Ärger mit den Münderanern und erzeugt ihr Misstrauen. Sie haben sich - sparsam und kostenbewusst - für die Zusammenarbeit mit dem Baumeister Wedekind entschieden, der ja nur eine Meile von Springe nach Münder zurückzulegen hat und daher weniger Spesen beanspruchen kann. Außerdem hat Wedekind gerade einen hochherrschaftlichen Bau in Springe erstellen lassen, der die Anerkennung der Münderaner findet.

Offiziell beginnt man im Frühjahr 1839 mit dem Abriss der Sakristei unter dem Vorzeichen einer großen Baureparatur, doch die Kürze der Zeitspanne zwischen dem Erkennen von wesentlichen Bauschäden im Gemäuer und dem Erstellen des Neubauplans bzw. dem Baubeginn von nur 2 Monaten lässt die Vermutung zu, dass man von städtischer Seite den Plan des Neubaus nie fallengelassen hat.
Baumeister Wedekind erstellt also schnellstmöglich einen Entwurf, der dem Konsistorium in Hannover zur Genehmigung vorgelegt wird. Man wartet aber nicht auf Antwort aus Hannover und beginnt sofort mit dem Neubau mit der Begründung, noch vor dem Winter müsse man die Bruchsteine, das Hauptbaumaterial, unter Dach haben.

Das Konsistorium zieht erneut den Baumeister Hellner zu Rate, der den Entwurf schärfstens kritisiert. Wichtigste Punkte:

  • Das Dach mit dem Tonnengewölbe wird nicht halten.
  • Die Kirche hat nur 12 Fuß Entfernung zum Schulhaus - Rektorat - (Feuergefahr).
  • Der Altar liegt nicht im Osten.
  • Der Lagerplatz für das Holz zum Befeuern der Öfen ist wegen der Brandsgefahr falsch gewählt.
  • Die Gesamtzahl der Plätze (630) reicht für Münder nicht aus.
  • Der Kirchenraum erhält nicht genügend Licht.

In einer ausführlichen Entgegnung verteidigt Bürgermeister Wermuth als Leiter der Kirchenkommission den Entwurf Wedekinds.
Die Kritik des Baurevisors wird in vielen Punkten widerlegt, einiges findet allerdings später Berücksichtigung. Die mächtige gewölbte Kirchendecke wird durch die Verlängerung der Eichenständer, die man als Säulen verkleidet, zusätzlich gestützt. Das Holz für die Öfen und das Getreide lagert man im Turmraum. Zur Erhöhung des Platzangebots wird ein Jahrhundert später die Orgelprieche erweitert.

Wie die Inschrift über dem Nordportal ausweist, findet die Einweihung der Kirche im Jahr 1840 statt, also nach relativ kurzer Bauzeit. Für viele Münderaner muss der schlichte, klassizistische Bau in ihrer ansonsten durch die Fachwerkbauten des 16. und 17. Jahrhunderts geprägten Stadt ein Fremdkörper gewesen sein, so dass man bereits zwei Jahrzehnte nach Fertigstellung des Gebäudes mit dem bekannten hannoverschen Architekt Baurat Conrad Wilhelm Hase in Verbindung tritt, um dem Gebäude ein traditionelleres Äußeres zu geben. Hase, der später in Münder die Volksschule an der Wallstraße erbaut, legt Entwürfe vor, die das Gebäude in neugotischem Gewände zeigen. Durch den von ihm vorgeschlagenen Anbau eines Chores und von verschiedenen gotischen Stilelementen wie einen vorderen und seitlichen Treppengiebel hätte die Petri-Pauli-Kirche ein gänzlich anderes Gesicht bekommen. Vermutlich aus Kostengründen wagt man diesen gewaltigen Umbau dann doch nicht und belässt die Kirche in ihrem ursprünglichen Äußeren.

Erst 1939 erfolgt ein wesentlicher Umbau im Innern des Kirchgebäudes. Architekt Brandes aus Hannover veranschlagt dafür Kosten in Höhe von 27.000 Reichsmark.

Eine neue Heizungsanlage ersetzt die beiden störenden Öfen im Altarbereich. Die glatte Abschlusswand hinter dem Altar wird neu gegliedert durch eine gerundete Apsis und eine niedrigere Position der Kanzel. Der Altar wird vollständig umgebaut. Das große Kruzifix, das sich heute im linken Seitenschiff neben dem Altarraum befindet, und auch der Altartisch selbst werden ersetzt. Bildhauermeister Thelen aus Hannover liefert für 1.300 Reichsmark die Holzschnitzarbeiten des neuen Altars. Eine moderne elektrische Beleuchtung wird, installiert, und einige Änderungen an den Priechen vervollständigen den Umbau.

Ein Kuriosum am Rande: Zum zweiten Mal nach dem Bau 1839 beginnen die Münderaner ihr Vorhaben ohne Baugenehmigung von Seiten der Kirchenleitung. Man handelt sich dafür Ende 1939 eine Rüge des Landeskirchenamtes ein, das in Anbetracht der außenpolitischen Lage im Sommer 1939 keinen Baubeginn zugelassen hätte. Trotz der Kriegswirren können die Münderschen Christen am 3. Advent ihre erneuerte Petri-Pauli-Kirche in Anwesenheit von Landessuperintendent Laasch einweihen.

Zu einer letzten größeren Umgestaltung des Kircheninneren kommt es bei den Malerarbeiten im Jahre 1964. Der Kirchenvorstand entscheidet sich dafür, die Deckengemälde an der Altarseite und die Malereien im Tonnengewölbe, eine Kassettengliederung mit Ornamentierung, zu entfernen und dem Gebäude einen besonders schlichten Innenanstrich zu geben. Für das aus dem Jahr 1840 stammende Gestühl gab es neue Sitzbänke. Schon 1956 erhielt der Kirchturm - er ist das Wahrzeichen der Stadt Bad Münder - eine Neueindeckung mit Kupferplatten. Sie setzten im Laufe der Jahre lichtgrüne Patina an. So grüßt der Kirchturm tagein, tagaus Einwohner und Gäste der Stadt, auch abends, dann von Scheinwerfern angestrahlt. 1978 ließ der Kirchenvorstand im Kirchturm ein neues Uhrwerk einbauen, eine elektronisch gesteuerte Quarzuhr.

1989, im 150. Jahr des Bestehens des Kirchgebäudes, bekam die Petri-Pauli-Kirche eine werksneue Rohlf-Orgel (23 Register). Die feierliche Weihe der Orgel erlebte die Gemeinde mit dem Festgottesdienst am 12. November 1989, gehalten von Landessuperintendent Hein Spreckelsen, an der Orgel Kantor Rainer Schöneich.

Das Äußere der Kirche zeigte sich in dem Jubiläumsjahr 1989 dank der großzügigen Hilfe durch die Stadt Bad Münder in einem freundlich und frisch wirkenden Anstrich, so dass das städtebaulich gelungene Ensemble rund um den Kirchplatz mit der Kirche auch einen repräsentativen Mittelpunkt besitzt
Im 2. Halbjahr 1995/Anfang 1996 wurde der Innenraum der Kirche gründlich renoviert.

In den Jahren 2006 bis 2010 wurde der Kirchturm grundlegend saniert, eingedeckt und neu vermessen.


(Überarbeitete Fassung des Beitrags von H.-J. Wülfrath zur Festschrift 1989)